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Maria Soxbo, artikel nr 4.

2021 haben wir die etablierte und preisgekrönte Journalistin und Autorin Maria Soxbo dazu eingeladen, die Nachhaltigkeitsfrage gemeinsam mit uns in den Vordergrund zu stellen – auf eine moderne Weise, die Interesse weckt. Wir denken, dass der erste Schritt darin besteht, dahin gehendes Bewusstsein zu schaffen, um danach gedanklich zu reifen und in langfristige Handlungen umgesetzt zu werden. Wenn Maria zu diesem Thema Stellung nimmt, gelingt es uns hoffentlich, sowohl die Vernunft anzusprechen als auch zu Taten zu motivieren.

Besitzen wir die Dinge oder besitzen die Dinge uns?

Es gibt Menschen, deren ganzer Besitz in einen Koffer passt. Und es gibt Menschen, die sowohl ein Haus als auch ein Ferienhaus haben und dennoch einen Lagerraum in der Stadt mieten müssen, um dort alles, was nicht in die eigenen vier – oder acht – Wände passt, unterzubringen. Der typische Amerikaner besitzt angeblich 300 000 Gegenstände und das amerikanische Durchschnittszuhause hat seine Größe in den letzten 50 Jahren verdreifacht. Dennoch muss jeder zehnte Amerikaner Lagerraum mieten.

Das ist natürlich nicht nur ein amerikanisches Phänomen. Die meisten Menschen, die in reichen Ländern leben, besitzen mehr Dinge, als sie brauchen. Jemand hat ausgerechnet, dass wir 3 680 Stunden unseres Lebens – 153 volle Tage – mit der Suche nach unseren Dingen verbringen werden. Jeden Tag verlieren wir den Überblick über neun Dinge.

Maria Soxbo ist Journalistin, Autorin und Mitbegründerin von Klimatklubben.

Wenn unsere Bedürfnisse befriedigt sind, erwacht das Begehren – wir gönnen uns etwas, jagen nach Schnäppchen, leisten uns etwas Besseres und ergänzen. Doch alles hat einen Preis, nicht nur in Form von Geld oder CO2-Ausstoß, sondern auch in Form von Zeit. Unsere Dinge müssen instand gehalten, aufbewahrt und organisiert werden. Wir arbeiten länger, damit wir uns mehr Dinge kaufen können oder im schlimmsten Fall, damit wir die Schulden abbezahlen können, die wir gemacht haben, um uns Dinge zu leisten. Inzwischen spüren wahrscheinlich viele von uns, dass es unsere Dinge sind, die uns besitzen – und nicht anders herum. Wir entrümpeln am laufenden Band, doch der Strom der Dinge scheint nie abzureißen.

Alle Pendel müssen früher oder später in die andere Richtung umschlagen. Bisher haben wir das Pendel so stark in die Richtung des übermäßigen Konsums schwingen lassen, dass es mit voller Kraft zurückschwingen wird. Was passiert dann?

Zwei neue Wirtschaftssysteme bereiten uns schon darauf vor. Durch das erste – die Ökonomie des Teilens – können wir unsere 300 000 Besitztümer anderen zugänglich machen. Wir können das Werkzeug, das Zelt und die Schlittschuhe an jemanden vermieten, der sie nur einen oder zwei Tage lang braucht. Platz für ihre Aufbewahrung brauchen wir noch immer, aber wir können die zusätzlichen Quadratmeter zumindest teilweise durch die Einkünfte aus der Vermietung finanzieren.

Das andere Wirtschaftssystem ist die Grundlage des gerade beschriebenen. Die Nutzen-statt-besitzen-Ökonomie basiert darauf, dass sich immer mehr Menschen damit zufriedengeben, bei Bedarf Zugang zu den Dingen zu haben. Das heißt: Entweder bin ich der Nachbar, der eine Bohrmaschine hat und sie vermietet, oder ich bin der Nachbar, der keine kauft, da man drei Häuser weiter eine mieten kann. Eine Bohrmaschine kommt im Laufe ihres Lebens im Durchschnitt 18 Minuten lang zum Einsatz. Sie zu teilen ist leicht.

Diese Denkweise ist natürlich nicht neu. Viele Menschen, die in einer Wohnung wohnen, haben keine eigene Waschmaschine, sondern Zugang zu einem Waschraum. Wir leihen Bücher in der Bibliothek aus und mieten im Urlaub sowohl ein Auto als auch eine Unterkunft. Die Kunst des Zugangs ohne Besitz können wir bereits, es ist nur gewöhnungsbedürftig, dies als Norm anzusehen.

Wir wissen auch, dass es manchmal viel wichtiger ist, etwas zu erleben als es zu besitzen. Aus diesem Grund stehen wir im Louvre Schlange, um einen Blick auf die Mona Lisa zu erhaschen, oder genießen etwas so Vergängliches wie einen Sonnenuntergang. Nicht alles steht uns unbegrenzt zu Verfügung und eigentlich ist das für uns ja auch in Ordnung. Wir müssen nur daran denken, dass dieses Prinzip auch für Dinge gelten kann, die auf Instagram vorbeiflimmern, die im Schaufenster hängen oder die uns in der Werbung begegnen. Wir können uns nicht nur bei den Kreationen der Haute Couture damit begnügen, sie aus der Ferne zu bewundern, das Gleiche können wir mit dem Fast Fashion-Kleid auch tun.

Die smarten Lösungen der Zukunft erfordern, dass wir etwas freier denken, als wir es gewohnt sind. Und vielleicht sollten wir von Besitz eher im Zusammenhang mit ganz anderen Dingen sprechen. Zum Beispiel mit Zeit! Immer mehr von uns möchten eine Arbeit mit flexiblen Arbeitszeiten haben oder weniger arbeiten und mehr leben. Und wenn wir als Ziel haben, über unsere Zeit zu verfügen, dann ist es nicht so schlau, 153 Tage unseres Lebens nur mit der ständigen Suche nach verlegten Besitztümern zu verbringen.

Maria Soxbo ist Journalistin, Autorin und Mitbegründerin von Klimatklubben, einer Plattform für Nachhaltigkeit. Als Einrichtungsbloggerin sattelte sie auf Greenfluencerin um, damit sie stattdessen mehr Menschen Inspiration für die Vorteile einer nachhaltigen Lebensweise geben kann. Sie ist davon überzeugt, dass es den meisten von uns besser damit gehen würde, ein Leben im Rahmen der Grenzen unseres Planeten zu führen, anstatt in einem sich heutzutage schnell drehenden Hamsterrad das Konto und die mentale Gesundheit zu belasten. Gemeinsam mit Emma Sundh betreibt sie auch den Podcast Plan-B, bei dem es um das gute Leben nach der Umstellung geht. Maria hat in Eigenregie und gemeinsam mit anderen insgesamt sechs Bücher über Klima, Nachhaltigkeit und Umstellung geschrieben. 2021 landete sie auf Platz 25 der Liste von Schwedens 101 nachhaltigsten Personen.

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