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Maria Soxbo, artikel nr 7.

2021 haben wir die etablierte und preisgekrönte Journalistin und Autorin Maria Soxbo dazu eingeladen, die Nachhaltigkeitsfrage gemeinsam mit uns in den Vordergrund zu stellen – auf eine moderne Weise, die Interesse weckt. Wir denken, dass der erste Schritt darin besteht, dahin gehendes Bewusstsein zu schaffen, um danach gedanklich zu reifen und in langfristige Handlungen umgesetzt zu werden. Wenn Maria zu diesem Thema Stellung nimmt, gelingt es uns hoffentlich, sowohl die Vernunft anzusprechen als auch zu Taten zu motivieren.

Trend oder Tradition?

Der erste Advent ist vorbei und Weihnachten 2021 hat Einzug in unseren Häusern gehalten. Laut der Branche ist es farblich neutral mit Grün als kräftigstem Akzent, mit vielen Papierdekorationen und es flirtet sowohl mit den 1970er Jahren als auch mit klassischen Weihnachtsmotiven. Letztes Jahr sollten die Dekorationen stattdessen aus Glas und die Farbtöne erdig sein, während Flanellstoffe und Mini-Weihnachtsbäume das i-Tüpfelchen waren. Und vor zwei Jahren stand Weihnachten ganz im Zeichen gedämpfter Farben und eines minimalistischen Stils mit vielen Naturelementen wie Zapfen, Rinde und Nüssen.

Aber dieser Text hier ist nicht als Trendreport oder gar als ein geschichtlicher Abriss über Weihnachtstrends gedacht. Sondern eher als eine Reflexion darüber, dass unser Anfälligkeit fürs Trends eine der schönsten Weihnachts-Traditionen zu vernichten droht – die des Wiedersehens.

Maria Soxbo ist Journalistin, Autorin und Mitbegründerin von Klimatklubben.

Für ziemlich lange Zeit war das Weihnachtsfest fast immun gegenüber Trends. Außer dem Hype um „das Weihnachtsgeschenk des Jahres“ und vereinzelten modischen Neuheiten auf dem Weihnachtstisch war Weihnachten etwas, das jede Familie im Laufe der Zeit sorgfältig gemeinsam formte. Bei manchen Familien wird der Baum schon im Advent aufgestellt, bei anderen erst am Tag vor Heiligabend. In einem Haushalt wurden die Weihnachtsgeschenke am Morgen geöffnet, in anderen nicht, bevor der Weihnachtstisch abgeräumt war. Fernseh-Traditionen, die Hassliebe zu gewissen Gerichten, die keiner aß (aber die trotzdem jedes Jahr aufs Neue aufgetischt wurden) und das Sein oder das Nicht-Sein des Reims waren ungeschriebene Gesetze, die von der eigenen Familie über Generationen hinweg diktiert wurden.

In diesem gemütlichen Mischmasch aus bunten und höchst persönlichen Traditionen war natürlich auch der Christbaum-Schmuck eine Konstante. Angefangen bei der Reihenfolge, in der Kerzen, Glitter, Flaggen und Christbaumkugeln am Baum aufgehängt werden soll, bis zu der Frage, wie viele Porzellan-Weihnachtsmänner entstaubt und aufgestellt werden sollen. Die ästhetische Einrahmung des Weihnachtsfests war eine Nicht-Frage – denn jede Familie wusste ja, wie es „zu sein hatte“. Denn sonst war Weihnachten nicht richtig.

Aber das war damals. Die Immunität gegenüber Weihnachtstrends ist nicht mehr 100%ig, ganz im Gegenteil. Denn wenn Weihnachten plötzlich „blau“ (2017) eingerahmt oder „kitschig“ (2013) werden muss, sind Großmutters geerbte Weihnachtsbaumkugeln oder die immer ramponierter werdenden Knallbonbons der Kinder nicht mehr selbstverständlich. Wenn Weihnachten mindestens genauso auf Instagram stattfindet wie im echten Leben, wird das Fest außerdem Teil eines persönlichen Markenzeichens, und die gutmütigen Weihnachtsmänner, die früher stramm auf dem Flurtisch standen, rücken in den Hintergrund, während fünf heiße Außenstürmer mit gehypten Adventssternen, Origami-inspirierten Lichterketten und gedrehten Paraffinkerzen sich ins Rampenlicht drängen.

Die meisten der möglichen Weihnachtsgestaltungen sind schön. Das klassische Weihnachten in Rot mit Tischdecken aus Leinen, Kerzen und Gegenständen aus Messing. Das leise, nordische Grau mit Schafsfell und glitzerndem Glas. Die moderne Bastelweihnacht mit Strohsternen und Papierschmuck. Alle Weihnachts-Looks können eine Stimmung erzeugen und das große Fest des Winters auf eine zufriedenstellende Art einrahmen. Aber – etwas geht trotzdem verloren, wenn Weihnachten nicht mehr behutsam aus einer lädierten Schublade mit farbenfrohem, aber geliebtem Weihnachtsschmuck aus dem Keller hervorgeholt wird, sondern aus ganz frischen, mit Logos versehenen Einkaufstüten. Wenn der Geschmack, die Farbe und die Form von Weihnachten jedes Jahr von einem neuen, kommerziellen Trendbericht diktiert wird, verblast das Vertraute. Wiedersehen ist eine Weihnachtstradition, die selten genannt wird, aber die nicht weniger bedeutsam ist.

Natürlich gibt es Platz für Innovationen. Die Welt wird globaler, Familien kulturell viel bunter und vor allem entstehen jeden Tag neue Familien – in allen Farben des Regenbogens. Weihnachten kann alleine, mit Freunden, Verwandten oder Fremden gefeiert werden. Im Schnee, an einem Strand oder mitten in einer matschigen Großstadt. Zu entscheiden, wie Weihnachten am besten gefeiert wird, liegt im Ermessen eines jeden Einzelnen, und es gibt kein Richtig oder Falsch.

Aber in einer Welt, die sich immer schneller dreht – zu schnell, wenn man die Ressourcen des Planeten und die Gesundheit der Menschheit bedenkt – gibt es vielleicht doch einen Grund, sich auf unsere Wurzeln zu besinnen. Das zu bewahren, was wir bereits haben. Weihnachten vor kommerziellen Trends zu schützen und die staubige Schublade mit dem geliebten und wohlbekannten Weihnachtsschmuck wieder in der Wärme willkommen heißen. Bevor jemand auf die Idee kommt, dass sie nicht mehr „zündet“ und sie für immer ausmustert.

Maria Soxbo ist Journalistin, Autorin und Mitbegründerin von Klimatklubben, einer Plattform für Nachhaltigkeit. Als Einrichtungsbloggerin sattelte sie auf Greenfluencerin um, damit sie stattdessen mehr Menschen Inspiration für die Vorteile einer nachhaltigen Lebensweise geben kann. Sie ist davon überzeugt, dass es den meisten von uns besser damit gehen würde, ein Leben im Rahmen der Grenzen unseres Planeten zu führen, anstatt in einem sich heutzutage schnell drehenden Hamsterrad das Konto und die mentale Gesundheit zu belasten. Gemeinsam mit Emma Sundh betreibt sie auch den Podcast Plan-B, bei dem es um das gute Leben nach der Umstellung geht. Maria hat in Eigenregie und gemeinsam mit anderen insgesamt sechs Bücher über Klima, Nachhaltigkeit und Umstellung geschrieben. 2021 landete sie auf Platz 25 der Liste von Schwedens 101 nachhaltigsten Personen.

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